Anden

Andahuaylillas, Peru

Andahuaylillas, gelegen in den peruanischen Anden auf 3.100 Metern, ist bekannt für seine reich verzierte Barockkirche, die auch „Sixtinische Kapelle der Anden“ genannt wird und sowohl europäische als auch indigen-andine Elemente aufweist. Gemeinsam mit der Pfarrei des 6.000 Einwohner zählenden Ortes begann die internationale Denkmalschutzorganisation World Monuments Fund im Jahr 2009 mit umfassenden Restaurationsarbeiten, die die Kirche San Pedro Apóstol, einst von lokalen Quechua-Handwerkern erbaut, heute in neuem Glanz erstrahlen lassen. Um die Nachhaltigkeit der Schutzbemühungen zu garantieren, war es von Anfang an ein Anliegen, bei der Bewahrung dieses historischen Denkmals die Lokalbevölkerung miteinzubeziehen. Hierzu wurde zeitgleich zu den Restaurationsarbeiten ein dreijähriges Pilotprogramm mit dem Ziel durchgeführt, Jugendliche dazu zu ermutigen, sich aktiv an der Erforschung, dem Schutz und der Förderung ihres kulturellen Erbes zu beteiligen. Die Jugendgruppe, die sich während des Programms formierte und sich nach dem Hausberg Andahuaylillas „Qoriorqo“ benannt hat, wird seitdem von OrigiNations begleitet und in ihren Aktivitäten unterstützt. Seit 2012 ist die Grupo Qoriorqo auch als gemeinnütziger Verein in Peru registriert.

Während des Pilotprogramms hatten die Jugendlichen in Workshops, Exkursionen und praktischen Kleinprojekten die Möglichkeit, ihr kulturelles Erbe zu erkunden und sich der historischen Bedeutung der Werke ihrer Vorfahren bewusst zu werden. Sie machten sich mit unterschiedlichen Techniken der Dokumentation vertraut, die es ihnen erlauben, sowohl materielle als auch immaterielle Aspekte ihrer Kultur zu erfassen. Darauf aufbauend entwickelten sie innovative Methoden und kreative Darstellungsweisen, ihre Kultur neu zu interpretieren, um der Bevölkerung die Bedeutung ihres reichhaltigen Kulturschatzes näher zu bringen.

Im Laufe des Projekts hat sich die Wertschätzung der Jugendlichen für ihre Heimat gewandelt. Heute erachten sie nicht nur die berühmten Denkmäler wie die Barockkirche und die archäologischen Stätten der Region als schützenswert, sondern auch den historisch gewachsenen Stadtkern mit seinen Wohnhäusern und öffentlichen Plätzen. Sie sehen darin eine Verkörperung des traditionellen Wissens, den uralten Fertigkeiten und lange überlieferten Werten, die lokale Identität stiften und ein Zusammengehörigkeitsgefühl entstehen lassen. Die von der Gruppe erstellten technischen Zeichnungen und 3D-Modelle von Andahuaylillas, für die die Dorfbevölkerung in Bildern, Videoclips und Texten ihre Familiengeschichten und persönlichen Erinnerungen beigetragen hat, sind Zeugnisse dieser Entwicklung. VertreterInnen des peruanischen Kulturministeriums, denen diese Materialien von der Jugendgruppe präsentiert wurden, zeigten sich beeindruckt von dieser Herangehensweise an Denkmalschutz und versuchen, eine Anwendung dieser innovativen Methoden in anderen Regionen des Landes anzuregen.

Die Mitglieder der Gruppe sind der Überzeugung, dass sie als „Hüter der Kultur“ auch Verantwortung für die Bewahrung der lokalen Traditionen und den Schutz der das Dorf umgebenden Naturlandschaft tragen, welche sie als zentrale Bestandteile ihres Kulturerbes begreifen. In ihren eigenen Worten schreiben sie: „Wir haben verstanden, dass wenn wir jetzt nicht die notwendigen Maßnahmen ergreifen, um den Schutz und das Fortbestehen unseres Kultur- und Naturerbes zu garantieren, wir in Zukunft von unseren Kindern und Kindeskindern schwer verurteilt werden werden.“

Die Jugendlichen sind sich der Komplexität und dem Ausmaß dieser Verantwortung bewusst, das ein umfassendes Bündnis mit anderen Akteuren bedarf. Dafür arbeiten sie mit der Bevölkerung sowie mit Schulen und anderen Partnern zusammen. Die Jugendgruppe organisiert öffentliche Kulturveranstaltungen, führt Informationskampagnen durch und entwirft Unterrichtsmaterialien für die Schulen der Region. Sie erhoffen sich hierdurch, das Bewusstsein der Bevölkerung für ihr Kulturerbe zu schärfen und eine breite Unterstützung für ihre Anliegen zu generieren. Ein Beispiel dieser Zusammenarbeit ist ihr Engagement während eines Wahlkampfs, bei dem sich die Jugendgruppe mit Lokalpolitikern auf ein neuartiges Abkommen zum Denkmalschutz einigte. Alle Kandidaten versprachen, die Mauern der Gebäude nicht wie sonst üblich wahllos zuzupflastern. Dies wurde in der Region viel diskutiert und fand viele Nachahmer in anderen Nachbargemeinden und Distrikten. Eine weitere Errungenschaft der Gruppe ist der einmal im Jahr begangene „Feiertag des Kulturerbes“, den die Gruppe 2010 initiierte, nachdem Andahuaylillas als „Historische Stadt“ nationalen Ranges erklärt wurde.

OrigiNations unterstützt die Jugendgruppe dabei, mittels ihres Kulturzentrums über das Erbe der Region zu informieren und kreative Zeichen-, Photographie-, Film- und Skulpturkurse für Kinder und Jugendliche anzubieten – auch in entlegenen Dörfern der Andenregion, in denen pädagogische Angebote äußerst rar sind. Die Jugendgruppe bemüht sich auch darum, die archäologische Stätte ihres Distrikts zu erhalten und ein neues partizipatives Modell zum Schutz von Kulturgütern gemeinsam mit dem peruanischen Kulturministerium zu entwickeln.

Wenn Sie die Jugendgruppe in ihren Aktivitäten unterstützen möchten, freuen wir uns sehr über Ihre Spende.


Weiterführende Informationen:

  • Die Facebook-Seite der Jugendgruppe: https://www.facebook.com/grupoqoriorqo/
  • Zwei selbst entwickelte Zeichentrickfilme (auf spanisch), die Kinder und Jugendliche zu Geschichten ihres Dorfes gestaltet haben: https://vimeo.com/650343546 und https://vimeo.com/805582098
  • Ein animiertes Comic, das die Jugendgruppe für Schulklassen entworfen hat (auf spanisch).
  • Der Ausstellungskatalog, den die Gruppe gemeinsam mit Künstlern zu der archäologischen Stätte „Rumiqolca“ in ihrem Distrikt publiziert hat (auf spanisch).
  • Ein 10-minütiges Video aus der Gründungszeit der Jugendgruppe, in dem sie sich selbst vorstellt (auf spanisch mit englischen Untertiteln).
  • Ein kurzer Videoclip (auf englisch) des World Monuments Fund zum Hintergrund des Kulturerhaltungsprojekts.